Sonntag, 15, Februar, 2026

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Samra Tesfaye: The Weeknd Mutter, Flucht und Samra Origins Café

Als Samra Tesfaye 1987 aus Äthiopien floh, hatte sie nichts außer der Hoffnung auf ein besseres Leben. Heute trägt eine Kaffeemarke ihren Namen, und ihr Sohn hat über 100 Millionen Alben verkauft. Dazwischen liegen Jahrzehnte harter Arbeit in Torontos Pflegeheimen und eine Geschichte, die zeigt, wie Migration wirklich aussieht.

Die Flucht vor dem Derg-Regime

Samrawit Hailu verließ Addis Abeba während der letzten Jahre der kommunistischen Militärdiktatur. Das Derg-Regime hatte Äthiopien seit 1974 im Griff, Hunderttausende waren geflohen. Samra gehörte zu jenen, die nach Nordamerika aufbrachen. Toronto wurde ihre neue Heimat.

In Kanada traf sie Makkonen Tesfaye, ebenfalls äthiopischer Herkunft. 1990 wurde ihr Sohn Abel geboren. Die Beziehung zerbrach kurz darauf. Makkonen verschwand aus dem Leben des Jungen, als dieser zwei Jahre alt war. Samra stand allein da.

Scarborough in den Neunzigern

Der Stadtteil Scarborough galt damals als Auffangbecken für Einwanderer. Günstige Mieten, multikulturelle Nachbarschaften, wenig Perspektiven. Samra arbeitete im Gesundheitswesen, später als Krankenschwester. Die Schichten waren lang, das Geld knapp. Ihre Großmutter half bei der Kinderbetreuung.

Abel wuchs in einem Haushalt auf, der äthiopisch blieb. Samra bestand darauf:

  • Amharisch als erste Sprache
  • Regelmäßige Kirchenbesuche in der äthiopisch-orthodoxen Gemeinde
  • Traditionelle Kaffezeremonien am Wochenende
  • Äthiopisches Essen, äthiopische Musik

Die Assimilation, die viele Einwandererkinder erlebten, fand bei Abel nur halb statt. Seine Mutter wollte, dass er wusste, woher er kam.

Als Abel die Schule abbrach

Mit 17 verließ Abel Tesfaye die West Hill Collegiate. Er zog aus, lebte bei Freunden, begann Musik zu machen. Für Samra war das ein Schock. Sie hatte jahrelang geschuftet, damit ihr Sohn Chancen bekam, die sie nie hatte.

Die beiden sprachen eine Zeit lang kaum miteinander. Abel schlief auf Sofas, experimentierte mit Drogen, nahm Songs in Kellerstudios auf. 2010 lud er drei Tracks unter dem Namen „The Weeknd“ auf YouTube hoch. Binnen Wochen explodierten die Klickzahlen.

2011 erschien das Mixtape „House of Balloons“. Drake wurde aufmerksam. Plattenlabels boten Verträge an. Abel war 21 und plötzlich berühmt.

Die Mutter hinter der Musik

In Interviews sprach The Weeknd später offen über seine Kindheit. Die Abwesenheit des Vaters, die überarbeitete Mutter, die Einsamkeit in Scarborough. Diese Themen durchziehen sein gesamtes Werk.

Songs wie „The Morning“ oder „Wicked Games“ kreisen um Isolation und Sehnsucht. Die emotionale Kälte in seiner Musik hat reale Wurzeln. Abel verarbeitet, was er als Kind erlebte.

Samra blieb trotz des Erfolgs ihres Sohnes im Hintergrund. Keine Interviews, keine öffentlichen Auftritte, kein Instagram. Sie arbeitete weiter, lebte ihr Leben abseits des Rampenlichts.

Der Start von Samra Origins

Im September 2023 änderte sich das. Abel und seine Mutter kündigten eine Partnerschaft mit Blue Bottle Coffee an. Samra Origins sollte äthiopischen Spezialitätenkaffee nach Nordamerika bringen.

Die Idee kam von den Kaffezeremonien, die Samra jahrzehntelang zu Hause durchführte. In Äthiopien ist Kaffee mehr als ein Getränk. Die Zeremonie dauert Stunden, bringt Familien zusammen, stiftet Gemeinschaft.

Samra Origins bezieht die Bohnen direkt von Farmern in Äthiopien. Die Marke will faire Preise zahlen und die Produzenten stärken. Für Samra schließt sich ein Kreis. Was sie aus ihrer Heimat mitbrachte, wird jetzt zum Geschäft.

Nespresso und die große Bühne

Januar 2025 brachte die nächste Stufe. Nespresso veröffentlichte den „Togetherness Blend“ in Kooperation mit Samra Origins. Die limitierte Edition kombiniert äthiopische und ruandische Bohnen.

Der Name „Togetherness“ spielt auf die verbindende Kraft von Kaffee an. Für Nespresso war es ein Prestigeprojekt, für Samra die Bestätigung, dass ihre Marke funktioniert.

Die Verkaufszahlen sind nicht öffentlich, aber die Aufmerksamkeit war enorm. Medien weltweit berichteten. Samra Origins wurde von einem Nischenprojekt zu einer Marke mit globaler Reichweite.

Was bleibt

Samra Tesfaye ist heute Mitte 50. Sie hat einen Weg hinter sich, den Millionen Migrantinnen kennen. Flucht, Neuanfang, Armut, Durchhalten. Die Geschichte ist nicht außergewöhnlich. Was sie daraus gemacht hat, schon.

Ihr Sohn verkaufte über 100 Millionen Tonträger, gewann fünf Grammys, spielte beim Super Bowl. Er verdankt ihr mehr, als er je zurückzahlen könnte. Das sagt er selbst.

Mit Samra Origins hat sie etwas Eigenes geschaffen. Unabhängig vom Ruhm ihres Sohnes. Eine Marke, die für das steht, was sie immer bewahrt hat: ihre Herkunft, ihre Kultur, ihre Würde.

Toronto hat viele Geschichten wie diese. Einwanderer, die kämpfen, die durchhalten, deren Kinder es schaffen. Samra Tesfaye gehört zu denen, die nie vergessen haben, wo sie herkamen. Und genau das macht ihre Geschichte erzählenswert.

Kathrin Biermann
Kathrin Biermannhttps://derteilnehmer.de/
Kathrin Biermann ist leitende Redakteurin und Mitgründerin von DerTeilnehmer. Seit mehr als acht Jahren berichtet sie über Themen aus Gesellschaft, Kultur, Technologie und internationaler Politik. Ihre journalistische Laufbahn führte sie durch verschiedene Redaktionen, bevor sie gemeinsam mit Ursula Waechter DerTeilnehmer gründete — mit dem Ziel, Nachrichten zu liefern, die informieren statt verwirren. Kathrin ist bekannt für ihre gründliche Quellenarbeit und ihren klaren, schnörkellosen Schreibstil. Abseits der Redaktion verbringt sie ihre Zeit am liebsten mit Reisen und der Suche nach Geschichten, die noch niemand erzählt hat.

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