Er saß bei den Konzerten seiner Söhne im Publikum, durfte sich aber nicht als Vater zu erkennen geben. Jahre später enterbten ihn Bill und Tom schriftlich. Einmal brach er sein Schweigen. Seitdem ist Jörg W. für die Öffentlichkeit nicht mehr existent.
Hannover, irgendwann im April 2012. Ein 56-jähriger Kraftfahrer öffnet einen Brief seiner Söhne. Kein persönliches Gespräch, keine Vorwarnung. Nur ein formelles Schreiben, das ihn enterbt. Die Söhne sind zu dem Zeitpunkt zwei der bekanntesten Deutschen der Welt. Er ist der Mann, den außer ihnen kaum jemand kennt. Kaulitz Vater Jörg, öffentlich nur als Jörg W. bekannt, rief danach bei Bild an.
Das war sein einziges Interview. Danach schwieg er wieder. Bis heute.
Table of Contents
Wie er überhaupt in diese Geschichte geriet
Bill Kaulitz schrieb in seiner 2021 bei Ullstein erschienenen Autobiografie „Career Suicide: Meine ersten dreißig Jahre“ ohne Umschweife darüber: Sein Vater und Simone Kaulitz lernten sich durch einen One-Night-Stand kennen. Aus diesem einen Abend wurden Zwillinge. Bill und Tom kamen am 1. September 1989 in Leipzig zur Welt.
Jörg W., 1956 geboren, arbeitete als Kraftfahrer und übernahm nach der Geburt Verantwortung. Die Familie zog nach Hannover, er fand Arbeit im Baugewerbe. Eine Heirat gab es nicht. Mitte der Neunzigerjahre, als die Zwillinge ungefähr sechs Jahre alt waren, zog Simone mit den Kindern nach Magdeburg. Jörg blieb in Hannover. Damit war der Großteil seiner aktiven Vaterrolle de facto vorbei.
Jörg W. — Die wichtigsten Fakten
Geburtsjahr1956
BerufKraftfahrer, zeitweise im Baugewerbe tätig
WohnortHannover / Niedersachsen
KinderBill und Tom Kaulitz (geb. 1. September 1989 in Leipzig), außerdem eine Tochter aus einer anderen Beziehung
TrennungMitte der 1990er Jahre, Zwillinge ca. 6 Jahre alt
Letztes StatementBild-Interview, April 2012, nach der Enterbung durch seine Söhne
Seltene Besuche, dann gar keiner mehr
Nach der Trennung sahen die Zwillinge ihren Vater noch gelegentlich. Manchmal in den Ferien, manchmal für kurze Aufenthalte in Hannover. Eine belastbare Vaterkind-Beziehung war das nie. Bill schrieb in „Career Suicide“ sachlich und ohne Anklage: Seine Bindung zu Jörg sei nie so eng gewesen wie die zwischen Tom und ihm. Er habe seinen Vater geliebt. Aber Jörg habe keine zentrale Rolle gespielt, und irgendwann habe er gar keine mehr gespielt.
Als Tokio Hotel 2005 in Deutschland explodierte, waren Bill und Tom 15 Jahre alt. Was danach folgte, war kein normales Erwachsenwerden. Irre Fans rund um die Uhr. Kein Kino ohne gebuchten Privatsaal, kein Restaurant ohne Zimmerservice, keine freie Minute ohne Management. Simone und ihr damaliger Lebensgefährte Gordon Trümper, Gitarrist der deutschen Rockband Fatun, begleiteten die Karriere von Anfang an eng. Jörg war kein Teil davon.
Er durfte zu Konzerten kommen. Aber er musste im Publikum sitzen, anonym, ohne sich als Vater zu erkennen zu geben. Simone und Gordon saßen als die offiziellen Eltern vorn.
„Im Publikum saßen meine Ex-Frau Simone und ihr neuer Mann Gordon als offizielle Eltern, ich musste irgendwo am Rand hocken.“Jörg W. · Bild, April 2012
Als Bill und Tom im Herbst 2010 nach Los Angeles zogen, reduzierte sich der Kontakt auf gelegentliche SMS. Die letzte Nachricht, die Jörg laut eigenem Interview von Tom erhielt, lautete: „Haben Probleme, müssen unsere Vergangenheit aufarbeiten.“ Danach: nichts mehr.
Die Enterbung und das einzige Interview
Im Frühjahr 2012 kam ein formelles Schreiben von Bill und Tom. Sie enterbten ihren biologischen Vater. Jörg W. wandte sich daraufhin an Bild. Im April 2012 erschien sein einziges öffentliches Interview, das von mehreren deutschen Medien aufgegriffen wurde.
Was Jörg W. im Bild-Interview sagte · April 2012
Über den Ruhm
„Der Ruhm und das Geld haben unsere Familie zerstört.“ Er beschrieb, wie der Betrieb rund um Tokio Hotel alles andere überschrieben hatte.
Backstage
Er war einmal hinter der Bühne. Kein Glamour. Nur zwei ausgezehrte Jungs und kalte Burger. „Der Stress hat sie seelisch krank gemacht.“
Kindheit
Bill verkleidete sich als kleiner Junge an Karneval als Frauen, unter anderem als Pippi Langstrumpf. Jörg erinnerte sich: „Ich bemerkte schon früh, dass sie besonders waren.“
Über Simone
Die Entfremdung schob Jörg der Mutter zu: „Ich glaube, dass ihre Mutter dahinter steckt. Sie hatte immer die Fäden in der Hand.“
Nach dem Interview gab Jörg kein weiteres Statement ab. Kein Anwalt, keine Gegendarstellung, kein Social-Media-Auftritt. Er verschwand genauso still, wie er aufgetaucht war.
Bills Sicht: Liebe, aber keine Nähe
In „Career Suicide“ rechnet Bill nicht mit seinem Vater ab. Er erklärt nichts und entschuldigt nichts. Er beschreibt schlicht, wie es war: Die Bindung zu Jörg sei nie eng gewesen. Er habe ihn geliebt. Aber Jörg habe keine existenzielle Rolle gespielt, und irgendwann habe er gar keine mehr gespielt.
Das macht das Bild schwieriger als eine klassische Entfremdungsgeschichte. Jörg war nie präsent genug, um wirklich vermisst worden zu sein. Er war eher abwesend als verloren.
Stand heute: kein Kontakt, kein Auftritt, kein Name
Die Netflix-Dokuserie „Kaulitz & Kaulitz“ erschien 2024. Sie zeigt Bill und Tom über mehrere Stunden in ihrem Alltag, mit Familie, Freunden, Heidi Klum, ihrer Mutter Simone. Jörg W. wird darin kein einziges Mal erwähnt. Laut InTouch (Juni 2024) besteht zwischen den Zwillingen und ihrem biologischen Vater kein Kontakt mehr.
Jörg lebt vermutlich noch immer im Raum Hannover. Kein öffentliches Profil, keine Interviews, kein Foto aus den vergangenen Jahren. Wer nach Kaulitz Vater Jörg sucht, findet einen Mann, der einmal aus dem Schatten trat und danach dauerhaft darin verschwand.
Bill ist heute weltweit bekannt, verheiratet mit Heidi Klum, Protagonist einer Netflix-Serie. Tom ist Vater, Musiker, Lebenspartner von seinem Bruder öffentlich inszeniert. Tokio Hotel verkaufte Millionen Platten. Und irgendwo in Niedersachsen lebt ein Mann, der all das von Anfang an aus der Distanz beobachtet hat. Jörg W. ist 69 oder 70 Jahre alt. Kein einziges aktuelles Bild von ihm existiert öffentlich. Seine Söhne gehören zu den bekanntesten Deutschen der Gegenwart. Er ist der einzige in dieser Geschichte, dessen Gesicht kein Mensch kennt. Das sagt alles.

