Samstag, 4, April, 2026

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Ludwigspark Gästebuch – 897.000 Einträge der FCS-Fanszene seit 2000

Das Gästebuch auf ludwigspark.de ist kein Relikt aus der Frühzeit des Internets. Es läuft täglich und hält fest, was kein Vereinsarchiv je dokumentiert hat: wie eine Fanszene wirklich denkt.

Eintrag Nummer 897.367. Jemand hat gerade etwas über den FCS geschrieben. Wie schon seit 25 Jahren, täglich, auf einer privaten Website, die nach einem Stadion benannt ist. Das Ludwigspark Gästebuch auf ludwigspark.de ist die älteste und am intensivsten genutzte digitale Plattform der saarländischen Fanszene. Dahinter steht kein Team, kein Konzern, kein Budget.

Nur ein Mann namens Bernhard.

Ein Bus nach Pirmasens und eine schlechte Vereinswebsite

Saison 1999/2000. Der FCS steckt mitten in der Toppi-Euphorie, die Kurve ist aufgedreht, Aufstiegsstimmung überall. Bernhard und sein Mitstreiter Holly fahren zum Auswärtsspiel nach Pirmasens, und auf dieser Fahrt kommt die Erkenntnis: Die offizielle Website des 1. FC Saarbrücken ist dünn. Spielberichte erscheinen tagelang nicht, aktuelle Informationen fehlen fast vollständig.

Also bauen sie selbst eine. Anfang 2000, pünktlich zum Auswärtsspiel in Salmrohr, geht ludwigspark.de online. 70 Besucher am ersten Tag. Für die Betreiber damals eine unvorstellbar hohe Zahl. Die Seite verbreitet sich über Mundpropaganda, und neben einer kleinen Seite von „FCS-Peter“ ist lupa.de nach Bernhards eigenen Worten die einzige FCS-Fanpräsenz im Netz.

Das Gästebuch startet als schlichtes Online-Formular. Kein Konzept, keine Strategie. Und wird trotzdem zur Seele der gesamten Website.

Wie das Ludwigspark Gästebuch funktioniert

Das Gästebuch im Überblick

Chronologisch: Alle Einträge laufen linear durch, kein Algorithmus sortiert oder filtert

Registrierungspflicht: Schreiber müssen angemeldet sein, anonym posten ist nicht möglich

Täglich moderiert: Bernhard prüft jeden Tag auf regelwidrige Inhalte, mindestens einmal

Vereinsunabhängig: Ludwigspark.de ist eine private Fanseite ohne jede Verbindung zur FCS-Vereinsführung

Ein-Mann-Betrieb: Seit den Anfangsjahren läuft die gesamte Redaktionsarbeit im Wesentlichen über Bernhard, unterstützt von Statistik-Jörg

„Vor Spielen getönt, während Spielen gezittert, nach Spielen gelobt oder gemeckert und öfters auch gestritten.“Leuchtturm-Fanzine über das Ludwigspark Gästebuch, 2010

Was das Gästebuch von jedem sozialen Netzwerk unterscheidet: Kein Beitrag wird bevorzugt. Kein Konto wird gesperrt, weil eine Plattform ihr Regelwerk geändert hat. Man liest, was die Fanszene wirklich denkt, in der Reihenfolge, in der sie es gedacht hat.

Spielerberater, ein Oster-Reinfall und Verfahren vor Gericht

Wer 25 Jahre online ist, erlebt einiges. Spielerberater versuchten das FCS-Gästebuch zu nutzen, um ihre Klienten bei der Fanszene zu platzieren. Bernhard erkannte das Muster, machte es öffentlich. Seitdem ist es ruhig an dieser Front.

Journalisten griffen regelmäßig auf das Gästebuch als Direktquelle zurück, teils ohne Gegenkontrolle. Ostern 2009 druckte ein Redakteur eine Geschichte über angebliche „2500 Eier in Neunkirchen“ als echte Neuigkeit, nachdem er sie im Gästebuch gelesen hatte. Die Meldung war frei erfunden. Die Anekdote kursiert bis heute.

Rechtliche Auseinandersetzungen blieben nicht aus. Gegen Bernhard und mehrere bekannte Gästebuchschreiber, darunter Nutzer wie „Paule“ und „Cocker“, wurden Strafanzeigen gestellt. Alle Verfahren gegen Bernhard wurden eingestellt.

Das Gästebuch als Zeuge der bewegtesten FCS-Jahre

Zwischen 2015 und 2021 erlebt der FCS die turbulenteste Phase seit Jahrzehnten. Das Gästebuch schreibt alles mit, Eintrag für Eintrag.

2000

Gründung ludwigspark.de

Bernhard und Holly starten die Seite zum Auswärtsspiel in Salmrohr. Das Gästebuch geht online, als schlichtes Formular, ohne Ambitionen.

2010

10 Jahre lupa.de

Das Leuchtturm-Fanzine widmet dem Gästebuch ein ausführliches Interview mit Bernhard. Die Seite läuft zu diesem Zeitpunkt fast ausschließlich als Ein-Mann-Betrieb.

Dez. 2015

Letztes Spiel im alten Ludwigsparkstadion

Am 5. Dezember 2015 besiegt der FCS den TSV Steinbach 4:0. Danach beginnt der Abriss. Heimspiele werden nach Völklingen verlegt.

2016 – 2021

Umbau und Kostenexplosion

Aus ursprünglich geplanten 16 Mio. Euro werden 46,5 Mio. Euro. Das neue Stadion fasst rund 16.000 Plätze.

2019

Aufstieg in die 2. Bundesliga

Mitten in der stadionlosen Zeit steigt der FCS auf. Das Gästebuch läuft heiß.

2021

Rückkehr ins Ludwigsparkstadion

Das sanierte Stadion öffnet. Der FCS spielt wieder zuhause. Die Fanszene kehrt zurück.

März 2026

Stand heute

Eintrag 897.367. Das Gästebuch läuft weiter, täglich, ohne Unterbrechung.

897.367 Einträge
Stand März 2026

46,5 Mio.Euro
Stadionumbau

25+ Jahre
ununterbrochen online

Warum das Ludwigspark Fanportal überlebt hat, was andere nicht überlebt haben

Fan-Foren wurden millionenfach gegründet und wieder eingestellt. Ganze Communities bauten auf Plattformen, die heute nicht mehr existieren. Das Gästebuch auf ludwigspark.de ist seit dem Jahr 2000 online, jeden Tag, ohne Unterbrechung.

Der Grund ist weder technisch noch strategisch. Eine Person hält es am Laufen, weil sie es für wichtig hält. Bernhard schaut, laut eigener Aussage, zu häufig rein. Täglich mindestens einmal. Ohne Gegenleistung, ohne Werbeeinnahmen, ohne Vereinsrückhalt.

Annähernd eine Million Einträge über 25 Jahre, das ist kein Zufall. Das ist Fankultur, die irgendwann größer wurde als die Seite selbst. Wer wissen will, wie Saarbrücken Fußball fühlt, der liest das Ludwigspark Gästebuch. Von der Toppi-Euphorie über den Stadionneubau bis heute, Eintrag für Eintrag, alles da.

Kathrin Biermann
Kathrin Biermannhttps://derteilnehmer.de/
Kathrin Biermann ist leitende Redakteurin und Mitgründerin von DerTeilnehmer. Seit mehr als acht Jahren berichtet sie über Themen aus Gesellschaft, Kultur, Technologie und internationaler Politik. Ihre journalistische Laufbahn führte sie durch verschiedene Redaktionen, bevor sie gemeinsam mit Ursula Waechter DerTeilnehmer gründete — mit dem Ziel, Nachrichten zu liefern, die informieren statt verwirren. Kathrin ist bekannt für ihre gründliche Quellenarbeit und ihren klaren, schnörkellosen Schreibstil. Abseits der Redaktion verbringt sie ihre Zeit am liebsten mit Reisen und der Suche nach Geschichten, die noch niemand erzählt hat.

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