Ricky Lee Webb saß 46 Jahre im Gefängnis für ein Verbrechen, das er nicht begangen hatte. Scott Minton verbrachte 31 Jahre hinter Gittern, bevor seine Unschuld bewiesen wurde. Artis Whitehead verlor 21 Jahre seines Lebens. Zehn Menschen haben durch die Arbeit einer Anwältin ihre Freiheit zurück.
Jessica Van Dyke gründete 2019 das Tennessee Innocence Project, die erste Vollzeit-Organisation dieser Art im Bundesstaat. Seitdem hat sie ein Viertel aller Exonerationen in Tennessee seit 1989 erwirkt. Die Bilanz zeigt, wie viele Menschen das Justizsystem zu Unrecht verurteilt hat. Und wie viele noch warten.
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Vom Studium zur Berufung
Der Weg begann während ihrer Juristenausbildung. An der University of Tennessee Law School arbeitete Van Dyke in der Wrongful Convictions Clinic, einer Anlaufstelle für Menschen, die ihre Unschuld beweisen wollen. Nach dem Abschluss 2011 trat sie in die Kanzlei Parker Lawrence Cantrell & Smith ein. Acht Jahre Zivilrecht, Prozesse, Post-Conviction-Arbeit.
Doch die Fälle von unrechtmäßig verurteilten Menschen ließen sie nicht los. Tennessee hatte keine Organisation, die sich Vollzeit um diese Menschen kümmerte. Andere Bundesstaaten hatten längst solche Projekte gegründet. Tennessee blieb zurück.
Im Februar 2019 startete Van Dyke das Tennessee Innocence Project. Anfangs eine kleine Operation, heute eine etablierte Institution im Strafjustizsystem des Bundesstaats.
Systematische Arbeit gegen systematische Fehler
Die Organisation prüft hunderte Anfragen pro Jahr. Die meisten Fälle erfüllen die Kriterien nicht. Van Dyke und ihr Team konzentrieren sich auf Fälle, bei denen konkrete Unschuldsbeweise vorliegen: neue DNA-Analysen, widerrufene Zeugenaussagen, manipulierte Ermittlungsakten.
Tennessee Innocence Project in Zahlen:
- 10 Exonerationen zwischen 2019 und Januar 2026
- Über 270 Jahre unrechtmäßige Haft aufgehoben
- 25 Prozent aller Tennessee-Exonerationen seit 1989
- Eric Minton zuletzt im November 2025 freigelassen
Jeder Fall dauert Jahre. Gerichte öffnen geschlossene Akten nur widerwillig. Staatsanwälte verteidigen alte Urteile. Beweise müssen beschafft, Gutachten erstellt, Anträge formuliert werden. Die juristische Arbeit ist mühsam, langwierig und kostspielig.
Van Dyke untersucht dabei auch die Muster hinter den Fehlurteilen. Fehlerhafte Zeugenidentifikationen, erzwungene Geständnisse, inkompetente Pflichtverteidiger, zurückgehaltene Entlastungsbeweise. Die Probleme im System wiederholen sich von Fall zu Fall.
Vom Anfang bis heute
Die ersten fünf Jahre leitete Van Dyke die Organisation als Executive Director und Lead Counsel. Sie baute das Team auf, warb Spenden ein, vertrat Mandanten vor Gericht. Im Oktober 2024 wechselte sie in die Position der Legal Director. Jason Gichner übernahm die Geschäftsführung.
Der Wechsel erlaubt Van Dyke, sich auf ihre Stärke zu konzentrieren: die juristische Fallarbeit. Weniger administrative Aufgaben, mehr Zeit für Recherchen, Anträge, Gerichtsverhandlungen.
Ausgewählte Fälle:
- Ricky Lee Webb: 46 Jahre unrechtmäßige Haft
- Scott Minton: 31 Jahre zu Unrecht verurteilt
- Artis Whitehead: 21 Jahre im Gefängnis
Anerkennung innerhalb der Profession
Die juristischen Vereinigungen in Tennessee haben Van Dykes Arbeit früh gewürdigt. Sie erhielt den TACDL Workhorse Award der Tennessee Association of Criminal Defense Lawyers sowie den Robert W. Ritchie Service Award. Beide Auszeichnungen honorieren außergewöhnliches Engagement in der Strafjustiz.
Van Dyke sitzt im Vorstand der Tennessee Association of Criminal Defense Lawyers. Sie ist Mitglied der Nashville Bar Association, der Tennessee Bar Association und der National Association of Criminal Defense Lawyers. Ihre Expertise wird bei Diskussionen über Justizreformen regelmäßig angefragt.
Was die Zahlen verschweigen
Hinter jeder Exoneration stehen zerstörte Biografien. Menschen verlieren Jahrzehnte ihrer produktiven Jahre. Ehen zerbrechen, Kinder wachsen ohne Eltern auf, Karrieren enden bevor sie beginnen können. Die finanziellen Entschädigungen, wenn sie überhaupt gezahlt werden, können die verlorene Zeit nicht zurückbringen.
Van Dyke arbeitet mit Menschen, die das Vertrauen in staatliche Institutionen verloren haben. Viele kämpfen nach ihrer Freilassung mit psychischen Problemen, fehlendem sozialem Anschluss und wirtschaftlicher Not. Die Exoneration ist der erste Schritt, aber nicht das Ende ihrer Probleme.
Die Grenzen der Einzelfallarbeit
Zehn Exonerationen in sieben Jahren klingen nach Erfolg. Doch die Zahl zeigt auch die Grenzen auf. Wie viele unschuldig verurteilte Menschen sitzen noch in Tennessee-Gefängnissen? Wie viele Fälle hat das Team abgelehnt, weil die Beweislage zu dünn war? Wie viele potenzielle Mandanten haben keine Anwälte gefunden?
Das Tennessee Innocence Project kann nur einen Bruchteil der Fälle bearbeiten. Die Organisation ist auf Spenden angewiesen, die Ressourcen sind begrenzt. Jeder angenommene Fall bindet Kapazitäten für Jahre.
Van Dyke kennt diese Realität. Ihre Arbeit korrigiert Einzelfehler, aber verändert das System nur langsam. Solange Gerichte auf zweifelhafte Zeugenaussagen vertrauen, solange Pflichtverteidiger überarbeitet sind, solange Staatsanwälte Beweise zurückhalten können, werden neue Justizirrtümer entstehen.
Der nächste Schritt
Eric Mintons Freilassung im November 2025 war die jüngste Exoneration. Das Team arbeitet bereits an weiteren Fällen, prüft neue Beweisanträge, bereitet Anhörungen vor. Die juristische Mühle dreht sich weiter.
Van Dyke hat in sieben Jahren gezeigt, dass systematische Arbeit gegen Justizirrtümer in Tennessee möglich ist. Ihre Organisation hat sich als Korrektiv im Strafjustizsystem etabliert. Die Frage ist nicht, ob ihre Arbeit wichtig ist. Die Frage ist, ob zehn Exonerationen genug sind in einem System, das weiterhin Menschen zu Unrecht verurteilt.
270 Jahre unrechtmäßige Haft wurden aufgehoben. Zehn Menschen haben ihre Freiheit zurück. Doch für jeden befreiten Menschen gibt es dutzende weitere, die noch warten. Jessica Van Dyke weiß das. Und arbeitet weiter.

