Ein 30-jähriger Breakdancer sitzt in der Sprechstunde dänischer Neurochirurgen. Fünf Jahre hat er trainiert, täglich Headspins geübt. Jetzt zeigt seine Kopfhaut eine kahle, verhornte Stelle. Die Diagnose im Oktober 2024: fortgeschrittene Traktionsalopezie mit Vernarbung. Die Haare kommen nicht zurück.
Der Fall ist kein Einzelfall. Verliert man durch Headspins Haare? Die medizinische Antwort lautet ja, und die Dimension des Problems überrascht selbst Ärzte.
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31 Prozent der Breakdancer betroffen
Bereits 2009 untersuchten Orthopäden der Universität Essen 106 Breakdancer systematisch. Die Ergebnisse erschienen im Fachjournal „Sportverletz Sportschaden“ und beschrieben erstmals das sogenannte Headspin Hole als eigenständiges medizinisches Phänomen.
Die Zahlen aus der Studie:
- 60,4 Prozent zeigten Überlastungsschäden der Kopfhaut
- 31,1 Prozent litten unter sichtbarem Haarausfall
- 36,8 Prozent entwickelten Entzündungen
- 23,6 Prozent bildeten schmerzlose Knoten am Schädel
Zum Vergleich: Bei jeder dritten Person, die regelmäßig Headspins trainiert, fallen Haare aus. Das macht die Verletzung zur häufigsten langfristigen Schädigung im Breakdance.
Mechanischer Verschleiß mit bleibenden Folgen
Der Ablauf ist brutal. Beim Headspin lastet das gesamte Körpergewicht auf wenigen Quadratzentimetern Kopfhaut. Die Rotation erzeugt Scherkräfte. Haut und Haarfollikel werden zwischen Schädelknochen und Boden zerrieben.
Die Schädigung verläuft in zwei Phasen. Anfangs reagiert die Kopfhaut mit Entzündung. Haare fallen aus, die Haut rötet sich, manchmal bilden sich Bläschen. Dieser Zustand ist reversibel. Pausiert der Tänzer, erholt sich die Kopfhaut.
Geht das Training weiter, wird die Entzündung chronisch. Jetzt greift der körpereigene Reparaturmechanismus: Fibroblasten bilden Kollagen, Narbengewebe ersetzt die zerstörten Haarfollikel. Einmal vernarbt, produziert die Stelle keine Haare mehr. Die kahle Fläche bleibt permanent.
Medizinisch klassifiziert als Traktionsalopezie
Dermatologen ordnen das Headspin Hole der Traktionsalopezie zu. Diese Form des Haarausfalls entsteht durch mechanische Belastung der Haarwurzeln. Normalerweise betrifft sie Menschen, die ihre Haare dauerhaft straff binden.
Bei Breakdancern kommt ein zusätzlicher Faktor hinzu: direkter Hautkontakt mit dem Boden. Die Reibung beschädigt nicht nur Haare, sondern die gesamte Hautstruktur. Andere Sportarten kennen vergleichbare Überlastungssyndrome, aber keine mit dieser spezifischen Lokalisation am Kopf.
Der dänische Fall von 2024 dokumentiert die Spätfolgen. Der Patient zeigte neben Haarausfall auch Haarbalgentzündungen und ausgeprägte Verhornungen. Die Ärzte klassifizierten den Zustand als irreversibel.
Risikofaktoren verschärfen die Schädigung
Nicht jeder Breakdancer verliert gleich schnell Haare. Mehrere Faktoren beeinflussen das Risiko:
Trainingshäufigkeit: Tägliches Training beschleunigt die Schädigung massiv. Die Kopfhaut braucht Regenerationszeit.
Untergrund: Harter Beton erzeugt mehr Reibung als gefederte Tanzböden. Manche Studios verwenden spezielle Matten.
Technik: Verschiedene Headspin-Varianten belasten unterschiedliche Kopfstellen. Wer die Position wechselt, verteilt die Belastung.
Schutzmassnahmen: Spezielle Beanies oder gepolsterte Caps reduzieren die direkte Reibung erheblich.
Die meisten Verletzungen entstehen bei Tänzern zwischen 15 und 25 Jahren. In dieser Phase wird am intensivsten trainiert. Wer später einsteigt oder moderater übt, bleibt oft verschont.
Behandlung nur im Frühstadium möglich
Therapieoptionen existieren kaum. Im Anfangsstadium helfen entzündungshemmende Salben und Trainingspausen. Die Kopfhaut kann sich erholen, neue Haare wachsen nach.
Sobald Vernarbung einsetzt, endet diese Möglichkeit. Narbengewebe bildet keine Haarfollikel. Betroffene können die kahle Stelle nur noch durch Haartransplantation kaschieren. Diese Option wählen wenige, da sie kostspielig ist und oft mehrere Eingriffe erfordert.
Manche Breakdancer rasieren sich die betroffene Stelle komplett. Das verhindert eingewachsene Haare und reduziert Entzündungen. Andere akzeptieren die Glatze als Teil ihrer Identität.
Szene kennt das Problem seit Jahrzehnten
In Breakdance-Communities ist das Headspin Hole lange bekannt. Erfahrene Tänzer warnen Anfänger, empfehlen Schutzausrüstung und Pausen. Trotzdem trainieren viele ohne Vorsichtsmaßnahmen weiter.
Ein Grund: In Teilen der Szene gilt die kahle Stelle als Ehrenzeichen. Sie beweist jahrelanges hartes Training. Wer sie zeigt, signalisiert Ernsthaftigkeit und Können.
Diese Einstellung ändert sich langsam. Seit Breakdance 2024 olympische Disziplin wurde, professionalisiert sich der Sport. Athleten achten mehr auf Gesundheit und Langzeitfolgen. Präventive Maßnahmen werden selbstverständlicher.
Forschung bleibt lückenhaft
Trotz der dokumentierten Zahlen fehlen Langzeitstudien. Die Essener Untersuchung von 2009 bleibt die umfassendste Arbeit zum Thema. Neuere Daten gibt es kaum, nur vereinzelte Fallberichte wie der aus Dänemark.
Mediziner fordern mehr Forschung. Unklar bleibt, ob genetische Faktoren die Anfälligkeit beeinflussen. Auch die genaue Schwelle, ab welcher Trainingsintensität irreversible Schäden entstehen, ist unbekannt.
Für Betroffene bedeutet das: Sie müssen selbst beobachten und reagieren. Erste Warnsignale sind Rötungen, Juckreiz oder vereinzelter Haarausfall. Wer jetzt pausiert, kann Schlimmeres verhindern.
Haarausfall durch Headspins ist Realität
Die Frage, ob man durch Headspins Haare verliert, beantwortet die Medizin eindeutig. Jeder dritte aktive Breakdancer entwickelt Haarausfall. Die Schädigung beginnt schleichend, wird aber bei fortgesetzter Belastung irreversibel.
Wer Headspins trainiert, trägt ein kalkulierbares Risiko. Prävention ist möglich, Heilung nur im Frühstadium. Die kahle Stelle mag für manche ein Ehrenzeichen sein. Medizinisch bleibt sie eine vermeidbare Verletzung mit permanenten Folgen.

