Sergej Lawrow überraschte Ende Oktober 2025 mit einem Angebot an die westlichen Bündnisse. Bei einer Sicherheitskonferenz in Minsk erklärte Russlands Außenminister, Moskau wolle EU-Staaten und Nato-Mitgliedern garantieren, sie nicht anzugreifen. „Wir hatten und haben nicht die Absicht, irgendein derzeitiges Mitglied anzugreifen“, sagte Lawrow vor Delegationen aus über 40 Ländern am 28. Oktober.
Die westlichen Hauptstädte reagierten mit Schweigen oder direkter Ablehnung. Die Bundesregierung lehnte ab. Nato-Generalsekretär Mark Rutte ignorierte den Vorstoß. Sicherheitsexperten warnen vor einem Täuschungsmanöver.
An der Konferenz für eurasische Sicherheit nahmen Vertreter aus China, Nordkorea und Iran teil. Ungarns Außenminister Péter Szijjártó hielt seine Rede auf Russisch und forderte, Russland in die europäische Sicherheitsarchitektur einzubinden. Budapest stehe für Verhandlungen zwischen Trump und Putin bereit, sagte er.
Lawrows Angebot fehlt im offiziellen Redemanuskript des russischen Außenministeriums. Dort stehen nur die üblichen Vorwürfe gegen den Westen. Von Garantien keine Zeile.
Julian Werner vom Center for Intelligence and Security Studies der Bundeswehr-Universität München sieht darin Kreml-Strategie. „Lawrow ist kein ehrlicher Diplomat. Seine Aussagen sind immer Teil der Kreml-Strategie“, sagt der Dozent. Das Ziel: Europa spalten, die Aufrüstungsbereitschaft schwächen.
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Geschichte gebrochener Versprechen
1994 garantierte Russland der Ukraine im Budapest-Memorandum territoriale Integrität. Gegenleistung: Kiew gab sein Atomwaffenarsenal ab. 2014 annektierte Moskau die Krim, 2022 folgte die Invasion.
Die Minsk-Abkommen von 2014 und 2015 sollten den Donbass-Krieg beenden. Russland ignorierte beide vom ersten Tag an. Moskau lieferte Waffen und Truppen, bestritt aber jede Beteiligung.
Margarete Klein von der Stiftung Wissenschaft und Politik nennt Lawrows Vorstoß eine Nebelkerze. Die Spezialistin für russische Sicherheitspolitik erkennt darin Hybridkriegsführung nach dem Muster Karotte und Peitsche. Während Lawrow Frieden anbietet, droht Moskau parallel mit Waffentests und eskaliert militärisch. Die Ukraine bleibt ausdrücklich ausgenommen.
Werner vergleicht die Lage mit dem Hitler-Stalin-Pakt. „Wieder würde über die Köpfe kleinerer Staaten hinweg verhandelt“, warnt der Sicherheitsexperte. Deutschland könnte die Ukraine oder baltische Staaten opfern.
Regierungssprecherin Catherine Deschauer erklärte, man erkenne keinen Willen, den Krieg zu beenden. Russland solle die Aggression einstellen. Nato-Chef Rutte sagte Anfang Dezember bei einer Pressekonferenz, er habe vor Jahren aufgehört, auf Lawrow, Putin oder Peskow zu reagieren. Der Niederländer kannte die drei als Ministerpräsident. „Lasst sie reden“, lautet sein Fazit.
Frankreich und Großbritannien schweigen demonstrativ. Sie konzentrieren sich auf eine Koalition für echte Sicherheitsgarantien zugunsten der Ukraine.
Während Lawrow sprach, eskalierte Moskau
Im Oktober 2025 intensivierte Russland die Angriffe massiv. Die Vereinten Nationen meldeten 31 Prozent mehr zivile Opfer in den ersten neun Monaten 2025 verglichen mit 2024. Russische Drohnen mit First-Person-View-Steuerung verursachen 29 Prozent aller zivilen Verluste an der Front.
Ende Oktober umfasste ein einziger Angriff über 450 Drohnen und 45 Raketen. Wohngebiete in Chernihiw und Charkiw wurden getroffen. In mehreren Regionen brach die Stromversorgung zusammen. Russische Truppen rückten um Pokrowsk vor.
„Dass sich Russland durch Verhandlungen vollständig zurückzieht, ist mit der jetzigen Führung nicht vorstellbar“, sagt Klein. Für echte Sicherheit bräuchte es Truppenabzug, Grenzrückverlegung, transparente Inspektionen. Russlands Handlungen zeigen das Gegenteil.
Estland, Lettland und Litauen bereiten sich auf einen möglichen Angriff vor. Das Institute for the Study of War warnt, Russland wiederhole bei den baltischen Staaten dieselben Schritte wie vor der Ukraine-Invasion. Analisten sprechen von Phase-Zero-Operationen. Moskau bereitet seit Monaten den informationellen Boden.
September und Oktober brachten häufige Luftraumverletzungen. Drohnen über Polen und Rumänien. Russische Kampfjets in estnischem Luftraum. Polens Generalstabschef Wiesław Kukuła warnte im November vor einem bewaffneten Angriff. Die baltischen Staaten bauen Grenzbefestigungen und verlassen Landminenabkommen.
Litauen gibt fünf bis sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung aus, weit über dem Nato-Ziel. Die Botschaft: Auf russische Worte verlässt sich niemand.
Sechs Tage vor Lawrows Auftritt brachen die Gespräche zwischen Washington und Moskau zusammen. Am 22. Oktober verhängte Trump erstmals Sanktionen gegen russische Ölkonzerne. Putin schwächte seine Maximalforderungen nicht ab. Trump sagte das geplante Treffen in Budapest als verschwendete Zeit ab.
In diesem Moment wandte sich Lawrow an Europa. Werner nennt es „gefundenes Fressen für Leute, die sagen: Seht ihr, mit Russland kann man verhandeln.“
Ungarn spielt mit. Szijjártó kündigte in Minsk einen ukraineskeptischen Block mit Tschechien und der Slowakei innerhalb der EU an. Genau diese Spaltung braucht Moskau.
Budapest 1994 und Minsk 2015 zeigen, was russische Garantien wert sind. Solange russische Truppen in der Ukraine stehen und Moskau Maximalforderungen stellt, bleiben Friedensangebote wertlos.

